Warum Testautomatisierung in vielen Projekten scheitert – und Agilität nur ein Teil der Antwort ist

Geschrieben von Dennis Schönig | Aug 26, 2026, 2:44:25 PM

Key Takeaways

  • Testautomatisierung scheitert selten an Tools wie Selenium, Playwright oder Cypress.
  • Die größten Herausforderungen liegen meist in instabilen Prozessen, unklaren Anforderungen und fehlenden organisatorischen Grundlagen.
  • Agile Arbeitsweisen können diese Probleme reduzieren – ersetzen jedoch keine sauberen Prozesse und klare Verantwortlichkeiten.
  • Erfolgreiche Testautomatisierung beginnt nicht mit der Auswahl eines Frameworks, sondern mit der Frage, ob die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Automatisierung überhaupt gegeben sind.
  • Automatisierung skaliert Qualität – aber ebenso Ineffizienz.

Automatisierung ist selten das eigentliche Problem

Ein neues Testautomatisierungsprojekt startet oft mit großen Erwartungen. Die ersten automatisierten Tests sind schnell erstellt, Regressionstests laufen regelmäßig und die Zuversicht im Projekt ist groß.

Einige Monate später zeigt sich jedoch häufig ein anderes Bild.

Automatisierte Tests schlagen regelmäßig fehl. Testskripte müssen nach nahezu jedem Sprint angepasst werden. Fehlalarme nehmen zu und immer mehr Zeit fließt in die Wartung der Testautomatisierung statt in die eigentliche Qualitätssicherung.

Die Ursache wird dann häufig im verwendeten Framework gesucht.

Aus unserer Erfahrung liegt sie dort jedoch nur selten.

In Enterprise-Projekten beobachten wir immer wieder, dass nicht die Automatisierung versagt, sondern die Prozesse, auf denen sie aufbaut. Testautomatisierung macht bestehende Abläufe schneller und reproduzierbarer – sie verbessert sie jedoch nicht automatisch.

Agile Prozesse sind mehr als Sprints und Boards

Viele Unternehmen arbeiten heute nach Scrum oder Kanban. Es gibt Sprint Plannings, Daily Stand-ups und Retrospektiven.

Das allein bedeutet jedoch noch nicht, dass die Voraussetzungen für erfolgreiche Testautomatisierung geschaffen sind.

Agilität zeigt sich nicht in der Anzahl der Meetings oder den eingesetzten Tools.

Sie zeigt sich darin, wie Anforderungen entstehen, wie Teams zusammenarbeiten und wie konsequent Qualität während der gesamten Entwicklung mitgedacht wird.

Für eine wirtschaftliche Testautomatisierung braucht es vor allem:

  • klar definierte Anforderungen,
  • eindeutige Akzeptanzkriterien,
  • reproduzierbare Testdaten,
  • stabile Schnittstellen,
  • kontinuierliche Integration,
  • eine gemeinsame Verantwortung für Qualität.

Fehlen diese Grundlagen, entstehen genau die Probleme, die später der Testautomatisierung zugeschrieben werden. Ein neues Framework wird daran nichts ändern.

Testautomatisierung macht Prozessprobleme sichtbar

Automatisierte Tests arbeiten konsequent.

Sie führen exakt das aus, was definiert wurde.

Sind Anforderungen unklar, ändern sich Benutzeroberflächen ständig oder liefern Schnittstellen keine stabilen Ergebnisse, wird genau das sichtbar.

Deshalb erleben viele Teams dieselbe Situation:

Die Testautomatisierung funktioniert technisch einwandfrei.

Der Entwicklungsprozess dahinter jedoch nicht.

Besonders in komplexen Enterprise-Landschaften mit ERP-Systemen, CRM-Lösungen, Fachanwendungen und zahlreichen Schnittstellen vervielfacht sich dieser Effekt. Kleine Unstimmigkeiten in Prozessen oder Anforderungen können dazu führen, dass ganze Regressionstest-Suiten an Aussagekraft verlieren.

Testautomatisierung ist deshalb weniger ein Werkzeug als vielmehr ein Spiegel der Prozessqualität.

Wer instabile Prozesse automatisiert, automatisiert vor allem eines: Instabilität.

Die eigentlichen Kosten entstehen nicht durch fehlende Automatisierung

Testautomatisierung ist eine Investition.

Wie jede Investition sollte sie einen messbaren Nutzen schaffen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Können wir diesen Test automatisieren?"

Sondern:

„Lohnt sich diese Automatisierung langfristig?"

In unseren Projekten zeigt sich immer wieder: Die größten Kosten entstehen selten dadurch, dass Tests manuell durchgeführt werden müssen.

Sie entstehen durch instabile Prozesse.

Typische Folgen sind:

  • hoher Wartungsaufwand für Testskripte,
  • unzuverlässige Regressionstests,
  • verzögerte Releases,
  • zusätzlicher manueller Testaufwand,
  • steigender Supportaufwand nach dem Go-live,
  • sinkendes Vertrauen in die Qualitätssicherung.

 

Gerade in Enterprise-Projekten wird dadurch schnell deutlich:

Nicht die Testautomatisierung ist teuer – sondern die Instabilität der Prozesse.

Woran Unternehmen erkennen, dass nicht das Tool das Problem ist

Treffen mehrere der folgenden Punkte auf Ihr Projekt zu, lohnt sich ein Blick auf die Prozesse – nicht auf das nächste Testframework.

  • Testskripte müssen nach fast jedem Sprint angepasst werden.
  • Anforderungen ändern sich während der Umsetzung regelmäßig oder werden unterschiedlich interpretiert.
  • Akzeptanzkriterien sind unvollständig oder fehlen.
  • Testdaten lassen sich nicht reproduzieren.
  • Regressionstests erzeugen regelmäßig Fehlalarme.
  • Verantwortlichkeiten zwischen Entwicklung, Fachbereich und Testmanagement sind nicht eindeutig geklärt.
  • Das Team verbringt mehr Zeit mit der Wartung der Automatisierung als mit der Verbesserung der Softwarequalität.

 

Je mehr dieser Symptome auftreten, desto wahrscheinlicher liegt die Ursache nicht in der eingesetzten Testautomatisierung, sondern in den zugrunde liegenden Prozessen.

Ein Werkzeugwechsel löst diese Probleme in den seltensten Fällen.

Fazit

Testautomatisierung ist kein Selbstzweck.

Sie entfaltet ihren größten Nutzen dort, wo Entwicklungs- und Testprozesse stabil, nachvollziehbar und gemeinsam getragen werden.

Agile Arbeitsweisen können dafür wichtige Voraussetzungen schaffen. Sie ersetzen jedoch weder klare Anforderungen noch saubere Prozesse oder eine gemeinsame Qualitätsverantwortung.

Deshalb sollte vor jeder Investition in Testautomatisierung zunächst eine andere Frage beantwortet werden:

Sind unsere Prozesse überhaupt bereit für wirtschaftliche Testautomatisierung?

Unternehmen, die diese Frage früh beantworten, investieren gezielter, vermeiden unnötige Wartungskosten und schaffen die Grundlage für stabile Releases, belastbare Regressionstests und nachhaltige Softwarequalität.

Die Perspektive von SAB ENGINEERING

Bei SAB ENGINEERING beginnen wir deshalb nicht mit der Frage, welche Tests automatisiert werden können.

Wir analysieren zunächst die Prozesse, Risiken und Qualitätsziele eines Projekts. Darauf aufbauend entwickeln wir Teststrategien, die den tatsächlichen Anforderungen des Unternehmens gerecht werden. Testautomatisierung setzen wir dort ein, wo sie langfristig einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen schafft – nicht dort, wo sie lediglich modern wirkt.

Unser Ziel ist keine maximale Automatisierung, sondern eine Qualitätssicherung, die fundierte Entscheidungen ermöglicht, Projektrisiken reduziert und Unternehmen nachhaltig unterstützt.